Miranda 1 - Stadtgründung

13.-16.09.2001 Pfadfinderzentrum Lilienwald

Inzwischen hat es mich selbst aus Wenzingen herausgetrieben. Zwar scheint der Steckbrief gegen meine Person aufgehoben zu sein, jedoch fühle ich mich noch immer unwohl inmitten der Schwarzen Drachen und Wenzingens Gerichtsbarkeit. So nahm ich dankbar Friedrichs Angebot an, mit ihm und Tanid zu einer Stadtgründung zu fahren. Ein Marktflecken, dessen Namen auf wundersame Weise jedem entfiel, der ihn hörte, sollte nun endlich zur Stadt erhoben werden.

Wir schlugen unser Lager im strömenden Regen auf. Das heißt, Friedrich schlug auf. Ich mußte leider feststellen, dass mir meine Zeltstangen auf der Reise abhanden gekommen waren, so dass mir Friedrich für die erste Nacht Asyl in seinem Zelt anbot. Dankenswerterweise, muß ich sagen, denn schon in der ersten Nacht gingen Räuber und Mörder im Lager um. Bei Friedrich fühlte ich mich jedoch einigermaßen sicher.

Am nächsten Morgen fand ich ein paar Weidenzweige, die es mir ermöglichten, doch noch mein eigenes Lager zu errichten. In den frühen Morgenstunden braute ich bereits mit Tanid und Estragor Tränke zur Heilung, da die Ereignisse der Nacht uns Angst einjagten. Im Anschluß daran entfernte ich mich ein wenig von Wenzingen, denn mein Ziel war und ist ja, mich ein wenig aus dem Gedächtnis und der Nähe der Wenzinger Macht zu entfernen, bis wenigstens etwas Gras über Esmeraldas Giftanschlag gewachsen ist.

Im Laufe des nächsten Tages stellte sich heraus, dass dieser Marktflecken eine eigenartige Gerichtsbarkeit hatte. Ein Patrizier schien mehr willkürlich als gerecht zu herrschen, die Stadtgarde mit ihrem ewig übellaunigen und äußerst bestechlichen Kommandanten (genannt "der Gewaltrichter"), und die Gilde der Magier, die Magie (auch Heilungen) nur mit Lizenz erlaubt, gaben ein Bild des Terrors und des Schreckens ab. Steuern und Schmiergelder für alles und jedes machten das Leben nicht gerade angenehmer.

Ich zog einige Male mit einem Trupp Waldvolk, den Adaichi, durch die Wälder, und wir stellten fest, dass einige heilige Orte der im Wald lebenden Völker entweiht worden waren. Muß ich erwähnen, dass sich der Begriff "Nekromant" mehrfach aufdrängte?

Obwohl im Dorf Gerüchte die Runde machten, dass Räuber und Orks den Wald unsicher machten, stellten wir schon sehr bald fest, dass weder die Räuber noch die Orks aggressiv reagierten, wenn wir ihnen friedlich entgegentraten.
Ich darf betonen, dass ich Orks dennoch nach Möglichkeit gar nicht entgegentrete. Der Räuberhauptmann Albrecht dagegen stellte sich bald als äußerst charmanter und kultivierter Mann heraus. Er war vor sechzehn Jahren ob einer unseligen Geschichte mit einer geschwängerten Magd aus dem Dorf vertrieben worden. Die Magd übrigens und ihr Kind waren seitdem verschollen.

In den folgenden Tagen stellte sich immer mehr heraus, dass, so sehr wir uns auch bemühten, wir nicht in der Lage waren, die dramatischen Ereignisse um das Dorf zu ignorieren. Nekromanten und Untote griffen des Nachts an (ich gestehe, den Angriff sicher im Zuber überdauert zu haben), des Tags war es schwierig genug, die Dorfbewohner zu besänftigen, dass sie die Orks in Ruhe ließen, ohne die Stadtwache mißtrauisch zu machen.

Um die Geistererscheinung in einem der Häuser kümmerte sich (mit mäßigem Erfolg) eine Gruppe Kleriker. Die Magier fanden sich irgendwann zusammen, um dem grünen Drachen, der die Natur in dieser Gegend beschützt, gegen seinen Feind, den silbernen Drachen, zu stärken. Die Adaichi, die Wolfsfamilie und ich dagegen konzentrierten uns auf die heiligen Stätten der Orks und halfen, unter den ständigen Attacken der Nekromanten, den Ort mit einem Ritual wieder zu weihen.
Den Weg ins Lager legte ich dank Ritter Brak als Fledermaus zurück. Man soll Magiegebegabte nicht reizen, auch Kleriker nicht. Immerhin, das Fliegen war ein Erlebnis wert. Nur habe ich seitdem noch manchmal das Bedürfnis, nach Insekten zu schnappen...

Nun denn, am nächsten Morgen, das Dorf hatte immer noch keinen Namen, erklärte der Herzog Letho den Marktflecken zur Stadt. Inzwischen war den Klerikern wohl ein Licht aufgegangen, dass die unselige Geistererscheinung die des toten Kindes von vor sechzehn Jahren war. Albrecht - der inzwischen rehabilitierte Räuberhauptmann - gab dem armen Wesen, das sein Spross hätte werden sollen, endlich einen Namen, und plötzlich, oh Wunder, konnten sich die Bürger an die verschiedenen Namensvorschläge für den Ort erinnern. Man einigte sich darauf, ihn "Flüsterhain" zu nennen, und die Espen unterstrichen die Entscheidung mit einem lauten Rauschen ihrer Blätter.

Die Beteiligung Wenzingens an den Ereignissen: Während alle Wenzinger tapfer und entschlossen an der Lösung der Rätsel um diesen Ort mitarbeiteten, muss leider berichtet werden, dass Erion, mutiger Krieger der er war, sich wohl mit der Gilde der Meuchler einmal zuviel angelegt hat. Diese schrieben ihm die Hauptschuld an einem Angriff zu - sei es berechtigt oder nicht - und ermordeten ihn schändlich. Weder Tanid noch Estragor noch Hochwürden Takre Dermion waren in der Lage, dem Ärmsten zu helfen, und so luden sie ihn denn auf einen Karren und machten sich noch in der Nacht auf dem schnellsten Weg zurück nach Hause. Am Morgen fand ich das Zelt abgebrochen, und Friedrich erklärte mir, er habe nur noch Papiere abgeholt und reite jetzt dem Karren in Windeseile hinterher, um Erions toten Körper zu seinem Priester zu bringen. Ich hoffe, dieser wird in der Lage sein, noch etwas am Schicksal zu wenden.

Ich selbst überlege ernsthaft, ob ich den Winter in Flüsterhain verbringe. Mit Albrecht als neuem Gewaltrichter und dem Wald wieder friedlich und heimelig, scheint mir das kein schlechter Ort, um meine Heilmagie weiter auszubilden und mich der Kräuterkunde dieser Gegend zu widmen.

In der Heilkunst mit Kräutern und Verbänden bin ich inzwischen so bewandert, dass mir kaum noch ein Heiler was vormacht. Leider will die Heilmagie noch nicht so gut glücken. Ich lernte von Tanid, was sie mich lehren konnte. Sie betet die Mondgöttin an und bezieht von ihr ihre Macht. Ebenso heilte ich (auf dem konventionellen Wege durch Herausschneiden verwesten Fleisches) einen Wundbrand bei einem Schwerverletzten, während eine Hohepriesterin die Heilzauber sprach, doch wenn ich mich selbst daran versuche, Wunden durch Anrufung der Großen Mutter Erde schneller heilen zu lassen, passieren doch immer noch merkwürdige Dinge. Irgend etwas stimmt noch nicht mit der Art, wie die Magie durch mich fließt. Aber dem komme ich auch noch auf den Grund.

Myr Aelyn Ravencloth