Chroniken 3 - Nekropolis

28.12.02 - 1.1.03

Lieber Vertex,

nach meinem letzten Brief wartest Du sicher auf Nachricht von mir. Ich sage Dir, die letzten Tage waren vielleicht anstrengend! Und ereignisreich, möchte ich hinzufügen. Aber ich fange am besten von vorne an.

Ich kam wieder auf Burg Rabenhorst am Tage nach Sonnenwend 1002. Mein Vater, Freiherr Damon von Rabenhorst, mußte, wie Du weißt, unserer Burg den weit überlegenen Truppen Eldalins IV überlassen um das Leben all unserer treuen Vasallen zu schonen. Die Rebellen waren ja vor der Übermacht Eldalins von dem Land nahe der Frontlinie abgezogen und hatten die Burg ihrem Schicksal überlassen.

Du glaubst gar nicht, was König Eldalin IV seitdem für Umbauten vorgenommen hatte. Der halbe Keller war unzugänglich und auf dem Dach prangten die Zweige eines riesigen untoten Baumes, der seine Wurzeln bis in unsere Gewölbekeller zog. Im Keller selber hatte er unseren alten Kerker wieder herrichten lassen und mit seinen Schergen besetzt, die wahllos alles einsperrten, was nicht schnell genug auf den Bäumen war - untot oder nicht. Glücklicherweise gab und gibt es aus dem Kerker mehr als einen Ausgang. Ulkig, dass offensichtlich so wenige der späteren Gäste davon Gebrauch machten... Ob ihnen das Foltern und Quälen etwa gefiel?

Wenige Tage darauf verstarb Eldalins unfähiger Baumeister auf mysteriöse Weise. Wir hatten uns gerade von dem Schrecken erholt, als die ersten Gäste unseres neuen Königs anreisten. Neunzehn Reisegruppen, kannst Du Dir das vorstellen? Und jede erhob Anspruch auf ein Lehen rund um Rabenanger - nicht alle davon wirklich eines Titels würdig. Wir konnten so viele Gäste kaum unterbringen. Gut, dass viele unserer Bediensteten mit den Rebellen geflohen waren.

Am Abend des 27. zog dann König Eldalin IV selbstgefällig mit Nichten und Königin und auf einer von Rebellen gezogenen Kutsche bei uns ein. Diese niedlich anmutende Nicht (Clarissa von Güldenaug war ihr Name) stellte sich schneller als gedacht als ziemliches Beist heraus. Ihretwegen wurde gar ein Edler an die Front geschickt. Und die Bewachung! Allen voran diese schreckliche Todesritterin Olga Fleischer. Es schauderte einen beim Hinsehen. Nun begann der Ernst des Lebens. Papa übernahm mit Wolf von Weißenstein, unserem Berater, die Verhandlungen. Es war zu erwarten, dass wir bei kluger Taktik zumindest Burg Rabenhorst, vielleicht sogar die neue Baronie Rabenanger würden halten können. Unter welchem König, nun, das war Burg Rabenhorst seit alters her nicht so wichtig. Ebenso bemühten sich die anderen Abgesandten, die teils aus dem Exil, teils aus den neu eroberten Lehen angereist waren, ihren jeweiligen Grundbesitz zu halten oder gar zu erweitern.

Obendrein tauchte eine weitere Majestät auf - die Gnomenkönigin. Der König war wenig amüsiert und schmiß sie hinaus, worauf die Gnome aus ihrer - d.h. eigentlich aus unserer, der Rabenshorst'schen - Edelsteinmine kamen und begannen, den Wachturm zu untertunneln. "Kein Stein bleibt auf dem anderen" drohten sie, und ich muß sagen, mir wurde Angst und bange. Immerhin sind es meine Steine...

Ich will Dich nicht mit Details der Verhandlungen langweilen, zumal ich meist nicht zugegen war. Ich kümmerte mich um den Hof, das heißt die Tanzveranstaltungen des überaus eleganten und liebenswerten Tanzmeisters, die Festbankette vor den politischen Debatten, die Übertragung der Medien-Nachrichten von FFN (den Freien Falkenberger Nachrichten, für das Eldalin eigens ein Medium Namens Nokia nitbrachte), und damit war ich auch weitgehend ausgelastet.

Zum Glück mußte ich mich nicht auch noch um diese unseligen Veranstaltungen in der Arena kümmern. Wüstes Gesocks, Sklavenhändler, hatten sich in Eldalins Troß unseres alten Reitstalles bemächtigt und boten dort täglich Ihr grausiges Schauspiel feil. Ich sage Dir, abstoßend! Am ersten Abend wurden die armen Rebellen hingerichtet, die die Kutsche hatten ziehen müssen, danach mied ich diesen Ort.
Ein wesentlich erfreulicherer Auftritt wurde uns durch eine Schauspieltruppe unter Willhelm Schüttelsteg geboten, die Romeo und Julia aufführte.

Aber ich schweife ab...

Einen Tag vor Jahreswend verkündete der Reichsverweser seinen Vorschlag für die Lehensverteilung. Zu aller Überraschung (außer der meinen natürlich) hatte Papa äußerst geschickt taktiert, und uns weit mehr als nur die Baronie Rabenanger verschafft. Womit er wohl nicht gerechnet hatte, war die Tatsache, dass der Reichsverweser um meine Hand anhalten würde und damit sowohl seine Anteile als auch die Rabenhorsts für sich einstreichen wollte. Ha! Selbstverständlich sage Papa zu, plante aber wohl kaum, die Ehe wirklich zu schließen. Ebenso muß ich gestehen, dass auch ich mich nach einer Nacht voll Migräne und Hadern wieder intensiv über meine Tiegel und Phiolen beugte... Ich hätte mir schon zu helfen gewußt.

Doch es sollte alles anders kommen. Am nächsten Morgen schickte Gut Splitterfels nach mir und begann eine eitle Plauderei, die in nichts die Ernsthaftigkeit der Einladung rechtfertigte. Man fragte mich nach den Lehrgebieten der Silbermondgilde und Details zu Erzkanzler Ambrosius Graufuchs. Zufriedengestellt offenbarte man mir, man glaubt es kaum, die Herrschaften seien mitnichten Ritter und Baronin zu Splitterfels, sondern von Kennocks Rebellen angeheuerte Spitzel, Mitglieder eines großen Ordens in den Mittellanden, und man plane, Eldalins Artefakt zu zerstören und die Burg zu befreien.

Hättest Du gedacht, dass die Zugehörigkeit zur Gilde und die Bekanntschaft zu unserer Brumsel einem einen guten Leumund verschaffen könnte? Ich nicht.

Jedenfalls erfuhr ich, dass Eldalin durch diesen untoten Baum, der sich durch den Turm zog, seine Truppen steuerte und dass er jeden Tag neue Befehle mittels eines Artefaktes gab. Dies galt es zu entwenden. Ebenfalls erzählte man mir, dass in dem alten Kapellchen hinter der Bibliothek, dass wir für leer gehalten hatten, ein alter Kendarock-Priester hauste und sich vor den dunklen Mächten versteckte. Ich verschaffte durch etwas alchemistisches Feuerwerk den Rebellen Zeit, um die Biblothek und den Priester in Augenschein zu nehmen. Gleichzeitig haben wohl andere Rebellen einen Zeitreisenden befragt, der irgendwie mit einer Zeitmaschine in dem von Wurzeln durchzogenen Keller zusammenhing.

Die Zusammenhänge sind mir unklar, doch konnten einige Rebellen wohl mittels der Zeitmaschine das Baum-Gebilde verlangsamen, wodurch sich plötzlich während des Tanzes alle Untoten sowie König und Königin verlangsamten. Sodann versuchten sie, mittels einiger Exeneier und dem Artefakt Eldalins (ein riesiger Kristall, von dem mein Lehrmeister und Alchemist Maktub ein Pendant angefertigt hatte) den Untoten-Beschleuniger zu zerstören. Gleichzeitig floh alles, was Beine hatte, aus der Burg und sammelte sich unter dem Andreastor. Mich schleppten meine beiden Handelsgehilfen Ulf und Ria mit, die sich ebenfalls als Rebellen herausstellten. Du glaubst nicht, was ich unter dem Torbogen sah! Dort hatten sich fast alle unserer Gäste versammelt, vor Waffen starrend. Sie alle waren von den Rebellen engagiert! Kaum eine Delegationen war echt gewesen! Das erklärt auch die verbreiteten schlechten Manieren, den Mangel an Tanzfertigkeit (was vor allem Eldalins tuckigen Tanzmeister verärgerte) und so manche Ungereimtheit, die mir bei den angeblichen Falkenbergern auffiel. Und dann kam zu aller Überraschung eine Gruppe vermummter Gnomen, von denen man nur die Nasen herausgucken sah, und verkündete, sie seien gekommen, "um die Letzte Allianz zu erneuern, bevor sie sich in die grauen Stollen der Vorväter zurückziehen werde..." Sie waren waffenstarrend und mit Sprengstoff behängt.

Kurz darauf stießen Truppen der Rebellen zu uns. Die Schlacht zwischen den Eldalin'schen und den Kennock'schen brandete hin und her. Dann öffnete König Eldalin ein Dimensionstor, griff sich die Wetterhexe Heidrut und ließ zu aller Überraschung seine Gemahlin Isabella Nephilia von Lebenshohn zurück. Diese gruppierte ihre letzten Untoten um sich und warf sie in die Schlacht. Ich jedoch konnte die Gnome mit dem Versprechen auf lebenslanges Aufzugsrecht in unserer Mine zu einem letzten Vorstoß anstacheln und gleichzeitig vernichteten die Rebellen in der Burg das Artefakt.

Meine treue Wache und neuer Hauptmann von Rabenhorst empfand dies als den richtigen Zeitpunkt, "Für Kennock!!!" zu brüllen und sein Schwert zu schwingen, der kluge Mann. Kurz darauf wurden die Untoten samt Königin vernichtend geschlagen und mein Dank (und der Papa's, der die Schlacht in seiner Kemenate abwartete) war den Siegern gewiß.

So verdanke ich, so seltsam es klingt, der Zugehörigkeit zur Silbermondgilde mein Leben und den Gnomen mein Erbe - dass ich hoffentlich erst spät antreten muß.

Ich begebe mich, sobald wir hier aufgeräumt haben und die Gnome die Mine wieder in Betrieb haben, zurück nach Kranichgfeld und zur Gilde. Von Abenteuern, das kann ich Dir sagen, habe ich vorerst genug. Ebenso vom Lächeln und Winken. Ich habe noch meine Verlobung mit dem Reichsverweser offiziell zu lösen, denn der alte Zausel hat leider wohl überlebt, doch dann soll wieder Frieden einkehren auf Burg Rabenhorst. Lang lebe König Kennock!

Deine Ariella Beatrice
dank der Rebellion immer noch Freifräulein von Rabenhorst

PS: Ich habe bei den Aufräumarbeiten im Garten ein kleines Büchlein gefunden, in dem interessante Gedichte standen. Ich habe es Carmen gegeben, die sich sehr darüber gefreut hat. Im nachhinein frage ich mich, ob es vielleicht das Magiebuch der explodierten Nekromanten-Königin war. Meinst Du, es war falsch, es Carmen zu geben?